Der Koran berichtet von einer mysteriösen Figur namens Dhul-Qarnain (der „Zweihörnige“), die große Weltreiche bereist und am Ende sogar eine gewaltige Mauer gegen die Völker Gog und Magog errichtet. Die Geschichte findet sich in:
Sure 18:83-98 (Al-Kahf)
Die koranische Erzählung
Der Koran beschreibt:
Dhul-Qarnain zieht nach Westen, wo er „die Sonne in einer schlammigen Quelle untergehen sieht“ (Sure 18:86).
Er zieht nach Osten, trifft dort auf Menschen ohne Schutz vor der Sonne (18:90).
Schließlich baut er eine riesige Mauer aus Eisen und geschmolzenem Kupfer, um die Völker Gog und Magog (Ya'juj und Ma'juj) einzusperren (18:93-98).
Wer ist Dhul-Qarnain?
Die meisten klassischen und modernen islamischen Kommentatoren identifizieren Dhul-Qarnain mit Alexander dem Großen (356–323 v. Chr.):
Der Beiname „Zweihörniger“ passt zu Alexander: Auf antiken Münzen wurde Alexander oft mit zwei Hörnern dargestellt, Symbol seiner Verehrung als Sohn des Gottes Amun.
Auch frühe islamische Quellen wie der Tafsir von al-Tabari bestätigen diese Identifikation.
Die Geschichte von Dhul-Qarnain ähnelt stark den Legenden im Alexanderroman, einer spätantiken Sammlung fantastischer Erzählungen über Alexander, die im östlichen Mittelmeerraum verbreitet waren.
Der historische Fehler
Der Koran übernimmt hier die mythische Version Alexanders — nicht die historische:
Alexander war kein Monotheist:
Historisch war Alexander polytheistisch, verehrte griechische Götter und ließ sich selbst vergöttlichen.
Im Koran hingegen wird Dhul-Qarnain als gläubiger, gerechter Monotheist dargestellt.
Die Mauer gegen Gog und Magog:
Es gibt keinerlei archäologischen Beweis, dass Alexander jemals eine solche gigantische Mauer errichtete.
Vielmehr basiert diese Erzählung auf Legenden des Alexanderromans, die spätestens ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. in Umlauf waren.
Die Reise zur „schlammigen Quelle“:
Die Sonne geht nirgendwo physisch in einer schlammigen Quelle unter — das ist ein poetisches, aber naturwissenschaftlich falsches Bild.
Zeitlicher Abstand:
Alexander lebte rund 900 Jahre vor der Offenbarung des Korans. Dennoch übernimmt der Koran die populären Legenden seiner Zeit und macht daraus eine „historische“ Erzählung.
Fazit
Die Geschichte von Dhul-Qarnain zeigt, dass der Koran:
zeitgenössische Legenden mit religiösem Anspruch vermischt,
einen real existierenden historischen Herrscher völlig verzerrt darstellt,
und auf populäre Erzählungen der Spätantike zurückgreift.
Ein allwissender Gott hätte die tatsächliche Geschichte Alexanders richtig dargestellt und sich nicht auf Mythen gestützt.
Dies ist einer der gravierendsten historischen Fehler des Korans.
Literatur / Quellen:
Koran: Sure 18:83-98
The Alexander Romance, ed. Richard Stoneman, 1991
Al-Tabari: Tafsir al-Tabari (9. Jh.)
Encyclopaedia of Islam, Second Edition, "Dhu'l-Qarnayn"
Wensinck, A.J.: Dhu'l-Qarnain, 1918
Hoyland, Robert: Seeing Islam as Others Saw It, 1997